Beobachtung #7
Die Freundlichkeit der Iren. Tja, das Klischee ist bekannt. Kaum kommt man als Fremder in ein Pub voll mit Einheimischen, bekommt man ein Pint ausgegeben. Man steht an der Straße und hält den Daumen hoch, und sofort wird man mitgenommen. Jeder Ire will einen sofort kennen lernen, wenn man ihn nur nach dem Weg fragt. Und so weiter.
Klingt alles gut, und dank Heinrich Böll glauben das auch geschätzte 90% der deutschen Bevölkerung. Die Realität sieht dann aber ein wenig anders aus.
Erstes Beispiel: Das Pint im Pub.
Ja, es kommt durchaus vor, dass man einen ausgegeben bekommt. Allerdings wird dann auch erwartet, dass man der Person im Gegenzug auch einen ausgibt. Aber so wirklich häufig kommt das nicht vor. Sicher, es hängt stark von den Personen ab, die im Pub sind, aber das Klischee bewahrheitet sich hier nicht vollständig. Aber wenn man erstmal so jemanden gefunden hat, dann hat man nen guten Abend. Die Leute geben dann auch viel, aber sie verlangen auch was zurück, sei es ein Pint, oder einfach nur eine gute Geschichte.
Im Gespräch mit Iren hab ich auch rausgefunden, dass diese Haltung sehr stark abgenommen hat. Man findet sie eher in kleinere Städten und Dörfern, und da hauptsächlich in kleinere Pubs abseits der Touristenströme. Und auch eher außerhalb der Touristensaison.
Aber immerhin, es gibt sie noch, die Freundlichkeit und Herzlichkeit im Pub.
Zweites Beispiel: Trampen.
Tja, was soll ich sagen. Ein mal haben wir es probiert. Und es hat sage und schreibe eine dreiviertel Stunde gedauert, bis uns jemand mitgenommen hat. Die anderen haben entweder den Kopf geschüttelt, signalisiert, dass ihr Auto voll ist, oder, wie in den meisten Fällen, sie haben uns nicht mal angeschaut.
Als uns dann allerdings ein freundlicher Mann mitgenommen hat, hat er uns gleich vor dem Pub, zu dem wir wollten abgesetzt, obwohl es nicht auf seiner Route lag. Als er gehört hat, dass wir den Bus nehmen wollten, hat er uns "ermahnt", im Pub auf die Zeit zu schauen, damit wir nicht den letzten Bus verpassen, und dass wir uns dort nach der Abfahrtszeit erkundigen sollten, weil er sie leider nicht weiß. Er hat sich irre dafür interessiert, woher wir kommen und was wir machen und so weiter. Richtig klischeehaft irisch einfach. Aber halt auch nur einer aus geschätzten 100...
Laut einem meiner Residents war das vor 10-20 Jahren noch komplett anders, damals konnte man innerhalb von 5 Stunden von Galway nach Dublin trampen, verglichen mit 3-4 Stunden im Bus.
Drittes Beispiel: Leute kennen lernen.
Man kann sehr sehr leicht im Pub ins Gespräch kommen. Man kann den ganzen Abend über Politik, Religion, Gesellschaft etc. reden. Aber Freunde findet man in Irland so nicht, nur Bekanntschaften. Ob man sich wieder sieht? Vielleicht am nächsten Abend, aber auch nur im Pub. Man kann in Pubs eigentlich mit jedem ins Gespräch kommen, aber mehr auch nicht.
Wenn man Leute wieder trifft, außerhalb, dann sinds meistens andere Ausländer.
Als Beispiel: die meisten Bekannten, die wir im Haus haben, sind Spanier, Tschechen, Amerikaner etc., nur Tony, der Freund des Hauses ist Vollblutire.
Viertes Beispiel: Die Begrüßungsfloskeln.
Kommt man neu auf die Insel, denkt man sich schnell: "Hey sind die freundlich, sogar die Verkäuferin im Supermarkt fragt mich, wie es mir geht". Und das tun sie, in der Tat. Alle, Verkäufer, Busfahrer, Putzkräfte. Alle sagen sie "How are you?", "How's it going?", "How's things?", "How's life?" und so weiter. Die Sache ist nur: die Verkäufer, Bisfahrer und Putzkräfte interessiert das einen Scheißdreck. Für die ist das nur eine Floskel, wie "Hallo". Selbst unter Freunden antwortet man auch so eine "Frage" maximal mit "Not too bad", oder "I'm fine, how are you?", ohne dass man was anderes als "Not too bad myself" erwartet.
Das ist einfach ein Begrüßungsritual, aber es zeigt, wie oberflächlich die berühmte irische Freundlichkeit mittlerweile ist...
Wenn ich neue Beispiele hab, dann gibts eine Ergänzung zu dem Beitrag.
By the way, in einer Woche bin ich ein paar Tage zurück in Deutschland, also falls ihr die Woche da seid, dann gebt mir Bescheid, und ich sag euch, wanns bei mir einen gemütlichen Shishaabend gibt. Klingt das nicht famos?
Grüße aus dem grade sonnigen Galway!
Euer Phil
Freitag, 24. Oktober 2008
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5 Kommentare:
Na wenn ein Pint 4€ kostet überlege ich mir das mit dem ausgeben auch lieber 5mal... ;-)
Boah war der billig, sogar für dich^^
es ist immernoch "das" Pint und nicht "der" Pint...
Wtf? Der Witz, oder besser der Kommentar war billig, nicht "der Pint" Oo
Sorry, bin ein nißchen spät dran, aber ich habe auch noch was zu dem Thema zu sagen.
Das mit Freundlichkeit bzw. Gastfreundschaft war schon vor 15 Jahren so ähnlich. Viele Iren waren damals sogar sauer auf Böll, weil die Deutschen mit dem "Irischen Tagebuch" auf die Insel kamen und erwarteten, dass sie überall eingeladen werden ...
Und Freundschaft habe ich in Irland immer oberflächlicher als bei uns empfunden. Wir warten normal länger, bis wir jemand als Freund bezeichnen, sonst ist es halt ein Bekannter.
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