Bevor jetzt jemand auf falsche Gedanken kommt: nein, im heutigen Eintrag geht es nicht um das Hungergefühl. Es geht um einen Film, den ich gerade im Kino gesehen habe, und dieser Film heißt "Hunger" und ist von Steve McQueen.
Handlung:
Nordirland, 1981, 10 IRA-Aktivisten treten im Hochsicherheitsgefängnis Maze in den Hungerstreik, um ihren Status als politische Gefangene wieder zu erlangen, der ihnen aberkannt wurde. Nach 4 1/2 Jahren "dreckigen" Protests (Zellenwände mit Exkrementen beschmiert, Urin auf die Gänge entleert, Essensreste in den Zellen verfaulen lassen) und "Blanket Protest" (Verweigerung, Gefängniskliedung zu tragen, nur in Laken gehüllt) beginnt der Hungerstreik als ultimativer Versuch, diese Forderungen durchzusetzen. Anführer des Protests, und Hauptcharakter des Films: Bobby Sands, gestorben nach 66 Tagen ohne Essen und damit das erste Opfer des Streiks.
Um es vorweg zu nehmen: der Film hat eine Goldene Kamera bei den Filmfestspielen in Cannes gewonnen, und das zu Recht! Hauptthema des Films sind nicht die politischen Ziele der IRA, obwohl sie natürlich den Rahmen bilden. Thema des Films ist der unglaubliche Wille eines Mannes, für seine Ideale den langsamsten Tod zu sterben, den man sich vorstellen kann: verhungern, und das freiwillig. Wie kann ein Mann so überzeugt sein, dass er diese Tortur auf sich nimmt, wie geht er durch dieses selbstgewählte Martyrium, was geschieht mit ihm.
Und in der Darstellung ist der Film nicht zimperlich. Das ganze Szenario ist unglaublich intensiv geschildert, und besteht aus mehreren Handlungssträngen. Da ist zum Beispiel der Gefängniswärter, der jeden Morgen unter sein Auto schaut, um Autobomben zu entgehen, und seine Frau, die erleichtert aufatmet, wenn das Auto nicht explodiert. Dieser Wärter, so denkt man, ist ein ganz normaler Polizist, der nur seinen Job macht. Aber im Gefängnis prügelt er auf die Inhaftierten ein und behandelt sie wie Dreck.
Da ist ein junger Polizist, der nicht mit ansehen kann, wie seine Kollegen nackte und wehrlose Häftlinge bei einer Körperuntersuchung verprügeln und schwer misshandeln.
Ein junger IRA-Aktivist, der die ganze Brutalität des Gefängnisses erlebt und zu Bobby Sands, einer Art Legende im Knast, aufblickt.
Da sind Bobby Sands' Eltern, die sich zwar immense Sorgen um ihren Sohn machen, aber merken, wie überzeugt er ist, und daraus ihre Kraft ziehen.
Das ist der erste Teil des Films, diese Hölle auf Erden im Gefängnis. Dann kommt das Herzstück des Films, ein gut 20 Minuten langer Dialog zwischen Bobby Sands, der mittlerweile den Hungerstreik begonnen hat, und einem katholischen Priester. In diesem Dialog, der aus einer ungeschnittenen Szene besteht, legt Sands, gespielt von Michael Fassbender, seine ganze Motivation dar, erzählt von seiner Kindheit, von seinen Erfahrungen im Gefängnis, seinen Überzeugungen. Der Priester versucht, ihn von diesem, wie er es beschreibt, Selbstmord abzubringen, doch Sands ist so überzeugt von seiner Sache, dass er sogar den Vorwurf , sein Leben bedeute ihm nichts, überzeugend abwiegeln kann. Am Ende muss sogar der hochmotivierte Priester einsehen, dass er gegen diese Willenskraft, diese Überzeugung nichts machen kann.
Was folgt ist das Sterben. Fassbender hat während des Films unter medizinischer Betreuung um die 50 Pfund (um die 22 1/2 Kilo) abgenommen, um den Prozess grafisch darzustellen. Man sieht, wie Sands im Krankenhaustrakt liegt, und das ihm gebrachte Essen nicht eines Blickes würdigt. Wie sich die Knochen durch seine pergamentartige Haut bohren. Wie er zu schwach wird, um zu stehen, sich zu bewegen. Wie der Hunger ihn sogar so schwach werden lässt, dass er nicht mehr versteht, was man zu ihm sagt. Eine beeindruckende Szene zeigt den Arzt, der ein Drahtgestell über den abgemagerten Körper legt, da die Stoffdecke dem schwachen Lungenapparat die Luft abdrücken würde. Als Sands dann langsam ins Koma abdriftet, kommen Kindheitserinnerungen zu Tage, man sieht, wie er an einem Fluss entlang rennt. Wie Vögel am Himmel fliegen, in Freiheit. Und dann ist Bobby Sands tot.
Der Film ist nicht nur eindringlich erzählt, intensiv, authentisch, er ist auch ein Kunstwerk in sich. Die Kameraführung fängt die Stimmung des Gefängnisses ein, spiegelt den körperlichen Verfall, die Isolation des Individuums in diesem Gefängnissystem. Dazu die Bildüberlagerungen:
Sands innerster Drang nach Freiheit während er ans Bett gefesselt ist, weil er zu schwach ist, sein staccato-artiges Ringen nach Luft, überlagert von Vögeln in einem dunklen Wald, die aufgescheucht durch ein Geräusch in die Luft steigen, je schneller die Atmenzüge kommen immer mehr Vögel, bis der ganze Schwarm in der Luft ist, und wegfliegt, und in der anderen Szene Bobby Sands sein Leben ausgehaucht hat.
Ich habe die Hungerstreikthematik in meinem Reisebericht über Belfast erwähnt, und wer mich kennt, weiß, wie fasziniert ich von der Thematik bin. Dieser Film hat somit bei mir sowieso einen Bonus. Aber auch wer mit der Hintergrundgeschichte nicht viel anfangen kann, sollte sich diesen Film anschauen. Denn allein die Art und Weise, wie dieser ungeheure Prozess dargestellt wird, ist fantastisch. Dazu die absolut grandiose Vorstellung aller Schauspieler, ganz besonders natürlich von Michael Fassbender, und fertig ist der für mich beste Film des Jahres.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
2 Kommentare:
unterschreib ich so!!
Zitat:
Um es vorweg zu nehmen: der Film hat eine Goldene Kamera bei den Filmfestspielen in Cannes gewonnen [...]
Keine Kamera, eine Palme war´s.
Kommentar veröffentlichen