Sonntag, 26. Oktober 2008
Olé, olé, oh mein Gott...
Nunja, wir haben uns darauf eingestellt, dass das Spiel nicht sehr gut wird.
Aber dass es SO schlecht wird, hatten wir dann doch nicht erwartet. Derry hat 1-0 gewonnen, aber eigentlich hätten beide Mannschaften verlieren sollen. Kein gscheider Spielaufbau, Pässe jenseits von Gut und Böse, Raumaufteilung und "Taktik" waren nicht vorhanden, genauso wenig wie Ballkontrolle. Das Spielfeld war aus irgendeinem Grund kleiner, als normal, aber trotzdem gabs so gut wie kein Kurzpassspiel. Wenn ein Spieler den Ball bekommen hat, hat er verzweifelt versucht ihn zu kontrollieren, nur um ihn dann irgendwie nach vorne zu dreschen. Jedes Bezirksligaspiel in Deutschland ist auf einem höheren Niveau, und da gibts wenigstens noch ne anständige Prügelei dazu, um die Stimmung zu lockern... Selbst spannend wars nicht, es gab ungefähr drei Torchancen, die aber alle sowas von miserabel vergeben wurden, dass es uns am Ende egal war, wer gewinnt, hauptsache es gibt keine Verlängerung^^
Naja, trotzdem wars ganz lustig, das ganze Spiel über gelästert über das Niveau, danach noch ein Pint getrunken und total durchgefroren nachhause vor den Fernseher, fünf Folgen Simpsons am Stück anschauen...
Freitag, 24. Oktober 2008
Beobachtung #7
Die Freundlichkeit der Iren. Tja, das Klischee ist bekannt. Kaum kommt man als Fremder in ein Pub voll mit Einheimischen, bekommt man ein Pint ausgegeben. Man steht an der Straße und hält den Daumen hoch, und sofort wird man mitgenommen. Jeder Ire will einen sofort kennen lernen, wenn man ihn nur nach dem Weg fragt. Und so weiter.
Klingt alles gut, und dank Heinrich Böll glauben das auch geschätzte 90% der deutschen Bevölkerung. Die Realität sieht dann aber ein wenig anders aus.
Erstes Beispiel: Das Pint im Pub.
Ja, es kommt durchaus vor, dass man einen ausgegeben bekommt. Allerdings wird dann auch erwartet, dass man der Person im Gegenzug auch einen ausgibt. Aber so wirklich häufig kommt das nicht vor. Sicher, es hängt stark von den Personen ab, die im Pub sind, aber das Klischee bewahrheitet sich hier nicht vollständig. Aber wenn man erstmal so jemanden gefunden hat, dann hat man nen guten Abend. Die Leute geben dann auch viel, aber sie verlangen auch was zurück, sei es ein Pint, oder einfach nur eine gute Geschichte.
Im Gespräch mit Iren hab ich auch rausgefunden, dass diese Haltung sehr stark abgenommen hat. Man findet sie eher in kleinere Städten und Dörfern, und da hauptsächlich in kleinere Pubs abseits der Touristenströme. Und auch eher außerhalb der Touristensaison.
Aber immerhin, es gibt sie noch, die Freundlichkeit und Herzlichkeit im Pub.
Zweites Beispiel: Trampen.
Tja, was soll ich sagen. Ein mal haben wir es probiert. Und es hat sage und schreibe eine dreiviertel Stunde gedauert, bis uns jemand mitgenommen hat. Die anderen haben entweder den Kopf geschüttelt, signalisiert, dass ihr Auto voll ist, oder, wie in den meisten Fällen, sie haben uns nicht mal angeschaut.
Als uns dann allerdings ein freundlicher Mann mitgenommen hat, hat er uns gleich vor dem Pub, zu dem wir wollten abgesetzt, obwohl es nicht auf seiner Route lag. Als er gehört hat, dass wir den Bus nehmen wollten, hat er uns "ermahnt", im Pub auf die Zeit zu schauen, damit wir nicht den letzten Bus verpassen, und dass wir uns dort nach der Abfahrtszeit erkundigen sollten, weil er sie leider nicht weiß. Er hat sich irre dafür interessiert, woher wir kommen und was wir machen und so weiter. Richtig klischeehaft irisch einfach. Aber halt auch nur einer aus geschätzten 100...
Laut einem meiner Residents war das vor 10-20 Jahren noch komplett anders, damals konnte man innerhalb von 5 Stunden von Galway nach Dublin trampen, verglichen mit 3-4 Stunden im Bus.
Drittes Beispiel: Leute kennen lernen.
Man kann sehr sehr leicht im Pub ins Gespräch kommen. Man kann den ganzen Abend über Politik, Religion, Gesellschaft etc. reden. Aber Freunde findet man in Irland so nicht, nur Bekanntschaften. Ob man sich wieder sieht? Vielleicht am nächsten Abend, aber auch nur im Pub. Man kann in Pubs eigentlich mit jedem ins Gespräch kommen, aber mehr auch nicht.
Wenn man Leute wieder trifft, außerhalb, dann sinds meistens andere Ausländer.
Als Beispiel: die meisten Bekannten, die wir im Haus haben, sind Spanier, Tschechen, Amerikaner etc., nur Tony, der Freund des Hauses ist Vollblutire.
Viertes Beispiel: Die Begrüßungsfloskeln.
Kommt man neu auf die Insel, denkt man sich schnell: "Hey sind die freundlich, sogar die Verkäuferin im Supermarkt fragt mich, wie es mir geht". Und das tun sie, in der Tat. Alle, Verkäufer, Busfahrer, Putzkräfte. Alle sagen sie "How are you?", "How's it going?", "How's things?", "How's life?" und so weiter. Die Sache ist nur: die Verkäufer, Bisfahrer und Putzkräfte interessiert das einen Scheißdreck. Für die ist das nur eine Floskel, wie "Hallo". Selbst unter Freunden antwortet man auch so eine "Frage" maximal mit "Not too bad", oder "I'm fine, how are you?", ohne dass man was anderes als "Not too bad myself" erwartet.
Das ist einfach ein Begrüßungsritual, aber es zeigt, wie oberflächlich die berühmte irische Freundlichkeit mittlerweile ist...
Wenn ich neue Beispiele hab, dann gibts eine Ergänzung zu dem Beitrag.
By the way, in einer Woche bin ich ein paar Tage zurück in Deutschland, also falls ihr die Woche da seid, dann gebt mir Bescheid, und ich sag euch, wanns bei mir einen gemütlichen Shishaabend gibt. Klingt das nicht famos?
Grüße aus dem grade sonnigen Galway!
Euer Phil
Mittwoch, 15. Oktober 2008
Beobachtung #6
Achtung, diese Beobachtung enthält "strong language" und ist deswegen für kleine Kinder nicht geeignet!
Iren fluchen viel und gerne. Und zwar quer durch alle Schichten. Gewisse Staffmember in allen Projekten sind für ihren exzessiven Gebrauch des Wortes "fuck" bekannt ('Get xyz to the fucking phone, for fucks sake!'), andere für "bloody" ('It's bloody early to be on the way to bloody Dublin!').
Residents werfen nur so mit shit, fuck, bloody irgendwas, bollocks, freckin' irgendwas, for fucks sake, bloody hell, fucking christ, fucking shit (ausgesprochen wie focking sheit), crap, jaysus, jaysus fucking christ, fucking irgendwas usw. um sich.
Und das erfinde ich jetzt nicht nur, um toll zu wirken (das hab ich ja nicht nötig, chrm chrm). Als ich gerade meinen zweiten Arbeitstag beendet hatte, zurück im Volunteers House war, und ein Team Leader aus nem anderen Projekt uns beim Abtransport der alten Küche geholfen hat, fragte er mich nur "Where you're working?" - "Dyke Road" - "So basically you're fucked" - "..."
Ich finds super, ich fühl mich da richtig wohl, auch wenn ich mich noch ab und an zurück halte, gute Manieren und so. Aber so langsam aber sicher fallen die Blockaden, also freut euch auf meine Ausdrucksweise, wenn ich wieder zurück bin!
Um es mit einem Satz zu sagen, den ich auf dem Training in Dublin aufgeschnappt habe: "After this year you will have learned much and your English will be fucked up."
Freitag, 10. Oktober 2008
Regen...
Auch wirds immer kälter, der Wind immer schneidender und das Klima generell immer feuchter.
Aber okay, was erwartet man in Irland sonst^^
Achja, eine Sache noch: meine Wände im Zimmer sind noch sehr leer, also wenn ihr mir Fotos etc. schicken wollt: nur zu ;) Nicht, dass ich am Ende noch vergesse, wie ihr alle ausseht...
So far, so good!
Euer Phil
Montag, 6. Oktober 2008
Yeha!
Und er war richtig gut. Nicht wirklich originell, aber gut gespielt und konsequent inszeniert.
Wer Western mag, sollte schauen, ob er sich den Film nicht mal anschaut, wenn er in Deutschland mal läuft...
Freitag, 3. Oktober 2008
Belfast! Teil 3
Das war grob gesagt die Tour, viele Details hab ich raus gelassen, es wäre zu viel für hier.
Aber es ist bedrückend, denn die Stimmung ist immer noch erdrückend. Im Zentrum ist alles ruhig, quasi eine neutrale Zone. Aber kaum geht man zwei Minuten aus dem Zentrum raus, sieht man so was:
Oder so was:
Und dann sieht man wieder Mauern, und Tore. Diese Tore werden jeden Abend geschlossen, und am Wochenende auch, um Konflikte zu verhindern. Und manche Tore kann die Polizei auf Knopfdruck von ihrer Zentrale aus schließen, natürlich ist auch alles Kameraüberwacht.
Auf die Frage, ob diese Mauern noch nötig seien, meinte Norman nur, mit einem Kopfnicken: „Oh yes, and I won’t live to see them coming down. And neither will my children.“
Der Friedensprozess und der Waffenstillstand haben wohl schon einiges gebracht, aber diese Wunden heilen nicht so schnell. Im Prinzip leben hier zwei verfeindete Gesellschaften nebeneinander, und wirklich jeder Einwohner Belfasts hat Verwandte und Freunde in diesem Konflikt verloren, oder hat irgendwie einen Bezug dazu. Auf die vorsichtige Frage, ob es überhaupt möglich war, neutral zu bleiben, kam ein lapidares „I suppose some people must have…“
Ich habe nie einen Hehl aus meiner Sympathie für die republikanische Bewegung gemacht, und das hat sich auch nicht geändert. Auf dem Bild von der Bombay Street sieht man ein Bild eines 15-jährigen Jungens. Er wurde mit 15 erschossen, weil er der IRA beigetreten ist. Er ist ihr beigetreten, weil er es nicht mehr mit ansehen konnte, wie Protestanten ungestraft die Häuser der Katholiken nieder brannten und Leute ermordeten.
Doch diese Sympathie hat nun auch neue, noch engere Grenzen gefunden. Für die Gräueltaten der Provisional IRA (größte IRA-Gruppierung), und insbesondere ihrer Splittergruppen, gibt es keine Entschuldigung.
Bleibt nur die Sympathie für den Grund, warum sie gekämpft haben: Katholiken wurden in Nordirland bis weit in die 80er Jahre als Bürger zweiter Klasse behandelt, sie hatten weniger Rechte, wurden auf Grund ihrer Geburt zu Außenseitern, hatten keinen Anspruch auf bessere Wohnverhältnisse…
Ich wünschte, ich könnte jetzt noch schreiben, dass Belfast immerhin eine schöne Stadt ist, doch das wäre gelogen. Nach Neapel ist Belfast die hässlichste Stadt, die ich je gesehen habe. Es gibt ein paar Lichtblicke, aber der Rest… Naja, seht selbst:
Das wars dann auch schon zu meinem Trip nach Belfast. Ich hoffe, es war informativ und nicht zu langweilig. Aber sollte es euch jemals dort hin verschlagen: macht eine Black Taxi Tour, es lohnt sich. Auch wenn der Belfast Akzent hart zu verstehen ist. Sehr hart.
Die Stadt selber ist wie gesagt nicht schön, aber interessant. Und abschreckend. Mein Fahrer meinte auch, dass es Gegenden gibt, in die ich besser nicht alleine gehen sollte, weil dort Gangs und Überreste der Terrorgruppierungen ihr Unwesen treiben, organisierte Kriminalität und alles.
Achja, sorry für die gemischte Formatierung, aber irgendwie mag blogspot es nicht, wenn man einen Text aus Word rüberkopiert, und mir wars grad zu blöd, das alles abzutippen...
Grüße aus Galway,
euer Phil
Belfast! Teil 2
Die Tour ging weiter, und wenig später standen wir vor der sog. Peace Wall. Das ist eine von 40 verschiedenen Mauern, die protestantische und katholische Viertel trennen, um den Frieden zu erhalten. Die Peace Wall selber wurde an der Stelle gebaut, um das katholische Viertel vor den Protestanten zu schützen, die das Viertel immer wieder überfallen haben und die Häuser der Katholiken niedergebrannt haben. Die Polizei konnte oder wollte das nicht verhindern (die Royal Ulster Constabulary bestand nur aus Protestanten, noch dazu vielen Armeereservisten), weshalb die IRA in dem Gebiet sehr starken Zulauf hatte, da sie den Schutz des Gebietes zu einem ihrer Ziele gemacht hatte. Dazu später noch mehr…
Hier ein Bild von der protestantischen Seite:
Und hier die katholische Seite, mit Gedenkstätte für alle von der Polizei und von Protestanten getöteten Zivilisten und IRA Volunteers des Viertels (und das sind nicht alle Namen, es gibt noch zwei weitere Tafeln...), und einem Bild, wie die Straße vor dem Bau der Peace Wall aussah:
Weiter ging es mit der Tour, zum Hauptquartier vom Sínn Feín, der republikanischen Partei Nordirlands, mit einem Mural des wohl bekanntesten IRA Volunteers überhaupt: Bobby Sands:
Zur Erklärung: Bobby Sandy war einer von zehn IRA-Häftlingen in Internierungshaft, die einen Hungerstreik durchführten (es waren natürlich noch einige Volunteers mehr in Haft). Ziel des Streiks war die Durchsetzung von fünf Forderungen, unter anderem die Wiederanerkennung ihres Status als politische Gefangene, das Recht keine Gefängniskleidung tragen zu müssen, etc.
Als die britische Regierung unter Margaret Thatcher nicht nachgab, starben die zehn nach über 60 Tagen ohne Essen. Danach wurden die meisten Forderungen erfüllt, aber die Straßen Belfasts explodierten unter einer Welle von Wut und Trauer auf der katholischen Seite. Bobby Sands Beerdigung war mit über 100.000 Besuchern die bis heute größte Trauerfeiern Nordirlands.
Belfast! Teil 1
Heute wird’s mal ein etwas längerer Text, denn ich habe meine erste inner-irische Reise hinter mir.
Los ging es am Mittwoch, nach der Arbeit. Kurz zuhause vorbei geschaut, mein Zeug in den Rucksack geworfen und ab zur Busstation. Nach knapp fünf Stunden war ich dann in Dundalk, einem kleinen Nest kurz vor der nordirischen Grenze. Vielleicht ists dem einem oder anderen schon aufgefallen, dass in den Kommentaren öfters mal ein Basti rumhüpft. Dieser ist nämlich bei der Dundalk Simon Community, und deshalb konnte ich im dortigen Volunteer’s Haus kostenlos bleiben.
Zu Dundalk selber gibt’s nicht viel zu sagen. Kleine Stadt, nicht unbedingt schön, wenig los, das Pint 20 Cent teurer als bei uns in Galway… Dafür sind die Volunteers dort wunderbar verrückt. Also so richtig^^ Trotzdem gefällt mir Galway besser, und unser Haus hat mehr Charakter. Sorry, Basti ;)
Nunja, in Dundalk hab ich dann gleich mal meine Einradkünste herausgefordert. Und festgestellt, dass ich selbige nicht besitze. Aber trotzdem kann man sich seine Würde bewahren:
Und im Kino waren wir auch. „Death Race“ hieß das Teil, lässt sich wie folgt zusammenfassen: Autos mit Waffen dran und keine Story. Aber hey: Autos mit Waffen dran! Also Hirn aus und gut ist…^^
Am Donnerstag in der Früh stand ich dann wieder am Busbahnhof, dieses Mal allerdings nach Belfast, der Hauptstadt Nordirlands, und dem Zentrum des Nordirlandkonflikts. Ich hatte bereits im Voraus eine Black Taxi Tour gebucht. Man sagt dem Taxifahrer, was man sehen will, und er fährt einen durch die Stadt und erzählt und erklärt. Die Taxifahrer sind alle richtige Einheimische, haben den ganzen Konflikt selber erlebt, daher ist das ganz sehr anschaulich.
Wir fuhren im Stadtzentrum los, und keine fünf Minuten später hielt mein Fahrer, er hieß übrigens Norman, an, und erklärt mir, dass wir nun in einem 100% UFF-loyalen Viertel sind.
Erklärung: U.F.F. steht für Ulster Freedom Fighters, einer unionistischen (also protestantisch-königstreuen) Terrorgruppe, die allerdings selber nur ein Deckname für die lange Zeit legale UDA (Ulster Defence Association) war, damit diese ihre Mordaktionen gegen unbeteiligte Katholiken ausführen konnte, ohne selber verfolgt zu werden. Daneben gab es noch die UVF (Ulster Volunteer Force) und die LVF (Loyalist Volunteer Force) auf der unionistischen Seite. Bzw. es gibt sie noch, nur dass sie heute, wie die kleinen IRA-Splittergruppen nur noch auf Geld und Macht aus sind, und ihr „Geschäft“ auf illegales Glücksspiel, Schutzgelderpressung, Drogenhandel etc. verlegt haben, und sich die meiste Zeit gegenseitig bekriegen.
In diesem Viertel, sogar an dem Platz, an dem wir standen, hatte die UFF/UDA das Sagen, bekämpfte Polizei und Armee, die sich in das Viertel wagten, ermordete und folterte Katholiken und floh nach Mordaktionen in katholischen Vierteln. Auch war sie das Gebiet der „Shankill Butchers“, einer Gang aus UFF/UDA-Mitgliedern, die 19 Katholiken zu Tode folterte.
Am Eingang zum Viertel und im Viertel selber finden sich viele Murals. Murals sind Wandgemälde, die zu Propagandazwecken überall sind, sowohl in katholischen als auch in protestantischen Vierteln. Hier ein paar unionistische (protestantische):
